Seit 20 Jahren: Stadtbahn nach Gerlingen


Pressemitteilung vom 18.05.2017



In 24 Minuten pünktlich zu jeder Tageszeit von Gerlingen bis ins Herz von Stuttgart, zum Hauptbahnhof? Das erscheint heute längst selbstverständlich. Vor 20 Jahren, als die moderne Stadtbahn der Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) in Gerlingen Einzug hielt, war man sich der Tragweite des Vorganges aber sehr wohl bewusst. Als „historisches Ereignis“ bezeichnete seinerzeit, am 31. Mai 1997, Gerlingens damaliger Bürgermeister Albrecht Sellner die Eröffnungsfeier: „Mit diesem Bahnanschluss haben wir unsere Stadt Gerlingen fit gemacht für das 21. Jahrhundert.“ Die Stadt unter dem  Nordosthang des Engelbergs hatte doppelten Anlass zur Freude: Im gleichen Jahr beging der begehrte Wohn- und Gewerbestandort seine 1200-Jahre-Feier.

Das Stadtoberhaupt bezog sich damals auch auf das halb unterirdische Bauwerk der Endstation für das neue Verkehrsmittel: Die Platz sparende clevere Kombination einer Streckenführung im Tunnel, einer halb überdeckten, aber vom freundlichen Tageslicht fast voll erfüllten Haltestellenanlagen, im direkten Anschluss mit einem „unsichtbaren“ Parkhaus war ein entscheidender Teil der Stadtsanierung von Gerlingen, das schon damals seine zentralen Elemente im Stadtkern aufwertete und herausputzte.

Das Verkehrsmittel Straßenbahnverbindung nach und aus Stuttgart war freilich auch vor 20 Jahren für Gerlingen keineswegs neu. Zunächst reichten die Schienen der SSB bereits seit 1909 von Stuttgart über den Pragsattel bis vor den Bahnhof Feuerbach. Die die seit den 1890er Jahren dank Eisenbahnanschluss und mächtiger Industrie geradezu explosionsartig aufstrebende selbständige Stadt Feuerbach wollte sich aber auch unter Bürgermeister Wilhelm Geiger ihr eigenständiges Pendlerpotenzial effektiv sichern und beschloss daher bereits 1913 gemeinsam mit Weilimdorf und eben Gerlingen die Gründung seines eigenen Straßenbahnbetriebes, dem stolzen 

unabhängigen kleinen Unternehmen „Städtische Straßenbahn Feuerbach – Gerlingen.“ Das war eine besonders herausragende Leistung der kommunalen Anlieger.  Ganz bewusst wollte man keinen direkten Anschluss an das Stuttgarter Netz der SSB, um betont eigenständig zu bleiben.

Doch nach Krieg und Wirtschaftskrise dauerte es bis zum Silvestertag 1926, bis die zweifarbig creme-rot lackierten elektrischen Wagen erstmals auf ihrer neuen, gut neun Kilometer langen Strecke mit einem Meter Spurweite unterwegs waren. Selbstbewusst und „vorsichtshalber“ trennte eine Lücke von einigen Metern die Gleisanlagen der SSB und der ländlichen Feuerbach-Gerlinger Straßenbahn vor dem Staatsbahnhof Feuerbach. Die Beratung für die lokale Straßenbahnunternehmung kam aber selbstredend von den SSB. Dennoch unterschieden sich grundlegende technische Eigenschaften wie Stromspannung, Fahrleitung und elektrische Ausrüstung von denen beim „großen Bruder“ SSB, auch wenn die Fahrzeugtypen grundsätzlich die gleichen waren. Kurzum, Feuerbach und Gerlingen wollten es „den Stuttgartern“ im Zweifel nicht so einfach machen, sozusagen als trojanisches Pferd eine mögliche de-facto-Angliederung an die Schwabenhauptstadt auf technischem Wege vorwegzunehmen.

Mit der zwangsweisen Eingemeindung von Feuerbach nach Stuttgart 1933 waren aber noch im gleichen Jahr auch die Tage der tapferen eigenständigen Straßenbahnfirma gezählt. Schon 1934 bekam der Streckenast nach Gerlingen eine Liniennummer der SSB, und ab 1935 war die Technik soweit umgestellt, dass die durchgehenden Fahrten nach Stuttgart aufgenommen werden konnten und sich ab nun Wagen im „Stuttgarter Gelb“ unter die Gerlinger Züge mischten.

Ihre eigentliche Bedeutung erhielt die Gerlinger Strecke aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Schienenanbindung die entscheidende Grundlage war, die vielen Heimatvertriebenen auf der vormals grünen Wiese anzusiedeln. Bis 1961 war daher auch der Ausbau der Strecke, die nunmehr als Linie 6 firmierte, mit zweitem Gleis abgeschlossen. Seit 1964 wurden die Fahrten der Linie 6 bis Leinfelden-Echterdingen durchgebunden. Seither war „der Sechser“ mit damals 24 Kilometer Länge die längste Linie der SSB, und die U6 ist es heute mit den gut 26 Kilometern bis zum Stadtteil Fasanenhof Stuttgart – und bald bis zum Flughafen – immer noch.

Als ab 1985 die Umstellung der klassischen Straßenbahn Stuttgarts zum eigenständigen Verkehrsmittel Stadtbahn begann, war es somit keine Frage, dass auch die Linie 6 bald und vollständig in den Umbau einbezogen werden würde. Seit 1957 wand sich die Straßenbahn mit einer langgezogenen Wendeschleife durch die Hausgärten (Hofwiesen-/Schillerstraße) am damaligen nördlichen Gerlinger Ortsrand, um die seit 1926 traditionelle Endstation am Gasthaus Schwanen an der Ecke Kirch-/Schulstraße zu erreichen. Doch wollten SSB und Stadt Gerlingen für die leistungsfähigere Stadtbahn etwas mehr Großzügigkeit – bei gleichzeitig so günstiger Lage wie bisher. Daher entschlossen sich die Planer, das letzte Teilstück von der Haltestelle Gerlingen Siedlung, gut 550 Meter bis zur Endstation, unterirdisch anzulegen. Dieser Abschnitt entstand in einer offenen Baugrube, die rund dreieinhalb Jahre diesen Bereich des Stadtbildes bestimmte. In dieser Zeit fuhren Busse, während sich die Straßenbahn schon 1993 aus dem Ortskern verabschiedet hatte. Kein Wunder, dass Gerlingen das Wiedererscheinen des gelben Stuttgarter Verkehrsmittels an jenem 31. Mai 1997, nun in neuer und aufgewerteter Form, mit einem regelrechten kleinen Volksfest begrüßten.

In dieser Form hat sich die Stadtbahn bis heute bestens bewährt. Die Fahrgastzahlen steigen auch heute noch an, von 4500 Fahrten im Jahr 2001 auf 6300 Fahrten im Jahr 2012, gemessen am Ortseingang Gerlingen. Mit den neuen Zügen vom Wagentyp S-DT 8.12/14 von 2014 erscheint zunehmend auch eine verjüngte Fahrzeuggeneration auf der Gerlinger Strecke, die nicht nur dynamisch aussieht, sondern auch durch noch weniger Geräuschabstrahlung außen wie innen überzeugt und flexible Mehrzweckbereiche für Kinderwagen, Rollstühle und Fahrräder bietet. Im Jahr 2020 soll – nach heutigem Stand – auch die umsteigefreie Fahrt mit der U6 bis zum Flughafen Stuttgart und zur Messe möglich sein, mit einer Reisezeit von knapp 60 Minuten.

Gerlinger Zug heute im Museum

Gerlingen war Standort eines „provisorischen“ Straßenbahnmuseums: Von 1989 bis 1994 bestand im alten Betriebshof Gerlingen, der noch aus der Zeit der eigenständigen kommunalen Straßenbahn stammte, in den Hallen zwischen Goethestraße und Friedhofsweg das Domizil des Vereins Stuttgarter Historische Straßenbahnen (SHB). Heute residiert das Museum als Straßenbahnwelt Stuttgart in Bad Cannstatt. Dort wird auch ein Zug aufbewahrt, der in seiner nachempfundenen cremeroten Lackierung an die Zeit erinnert, als Gerlingen seine „eigene“ Straßenbahnlinie besaß.

www.strassenbahnwelt.com

Mittwoch, 31. Mai 2017, 10 – 15 Uhr

Servicemobil der SSB vor Ort in Gerlingen, Endhaltestelle; Beratung für Kunden im Öffentlichen Nahverkehr  


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