Zwischen Verantwortung und Lebensgefahr - die Schaffnermaiden der SSB

8. März 2020 - zum Weltfrauentag ein Blick in die Historie der SSB
Frauen im Fahrdienst der SSB sind der täglich anzutreffende Normalfall in einer Gesellschaft, in der die Gleichberechtigung von Männern und Frauen zwar sicher noch nicht vollendet, aber stark fortgeschritten ist.

Die Beschäftigung von Frauen auch im Fahrdienst und damit einer – vermeintlichen – Männerdomäne hat bei der SSB eine gut hundertjährige Tradition: Aufgrund der Mobilisierung männlicher Beschäftigter war das Unternehmen im Ersten Weltkrieg gezwungen Frauen einzustellen. Umgekehrt zwang die wirtschaftliche Not der Frauen, solche Tätigkeiten auszuüben.

Während des Zweiten Weltkriegs waren es meist für jeweils ein halbes Jahr dienstverpflichtete junge Frauen, die als sogenannte Schaffnermaiden, die eingezogenen Männer ersetzen mussten. Nach einer kurzen Ausbildung waren sie nicht nur für den Fahrscheinverkauf und die Fahrscheinkontrolle zuständig, sondern auch für den sicheren Betrieb verantwortlich.

Die meisten Schaffnermaiden waren in einer Sammelunterkunft untergebracht, im Straßenbahnerwaldheim auf der Waldau. Dort lebten die meist etwa 20 Jahre alten Frauen in fast militärischer Disziplin, straff geführt von einer Lagerleiterin.

Der für die meisten ungewohnte Schichtdienst, oft in überfüllten Straßenbahnen, war ab etwa 1942 auch mit Risiken für Leib und Leben verbunden: 53 Bombenangriffe auf Stuttgart bis zum Ende des Kriegs und dazu weitere Bombenalarme betrafen fast immer auch den Straßenbahnbetrieb. Auch in diesen Situationen trugen die jungen Schaffnerinnen die Verantwortung für ihren Wagen und ihre Fahrgäste. Dazu gehörte die sichere Abstellung der Bahnen und die Begleitung der Fahrgäste in den nächstgelegenen Schutzraum, nie sicher, ob man den Angriff unbeschadet überstand und wie groß die Sachschäden sein würden.

Emanzipatorische Aspekte spielten bei den Schaffnermaiden sicher keine Rolle, auch wenn zumindest im Rückblick viele dieser Frauen Selbstbewusstsein daraus entwickelt haben unter widrigen, oftmals lebensgefährlichen Umständen „ihren Mann“ gestanden zu haben.

Nikolaus Niederich
Alle Bilder aus dem Archiv des Stuttgarter Historische Straßenbahnen e. V. (SHB).